Geschichte der Bergführer am Ätna

Die Ursprünge der Bergführer am Ätna sind nicht eindeutig belegt. Die ersten Überlieferungen gehen auf das Ende des 18. Jahrhunderts zurück. Schon zu dieser Zeit wurden die Reisenden von Bergführern begleitet, die die Geheimnisse der „Grande Montagna“ (des Großen Berges) meisterhaft kannten. Unter ihnen erinnert man sich noch an einen gewissen Biagio Motta, der aufgrund seiner Statur den Beinamen „Ciclope“ (Zyklop) trug und von dem französischen Reisenden „Roland de la Platière ” folgendermaßen beschrieben wurde:

„Ein großer Kerl um die 50, etwas Menschenähnliches im Aussehen, mit ernster Miene und einem Anstrich von Ehrfurcht; er ging mit großen Schritten voraus ohne ein Wort zu verlieren, antwortete jedoch kurz und bündig auf jede Frage …“

In der Regel handelte es sich bei diesen “Bergführern” um Hirten, Jäger oder Holzfäller, die die Wegsamkeiten, aber auch die Tücken dieses so großflächigen und vielfältigen Gebietes gut kannten. Aufgrund ihrer fehlenden offiziellen Anerkennung als Begleiter lag es an ihnen, im Verlauf ihrer improvisierten Dienstleistungen ihre körperliche Leistungsfähigkeit und charakterlichen Eigenschaften unter Beweis zu stellen, um das Vertrauen der Reisenden zu gewinnen. Außer ihrem Abenteuerdrang besaßen diese nämlich gegenüber den Einheimischen nicht wenige Vorurteile, wie der schottische Reisende Patrick Brydone bestätigt: „Wir fanden unter den Einwohnern dieses Berges eine solchen Grad von Wildheit, als ich sonst nirgends bemerkt habe.“ P. Brydone’s Reise durch Sicilien und Malta: in Briefen an William Beckford, esq. zu Somerly in Suffolk, Band 1, S. 135 In gleicher Weise äußert sich Élisée Reclus in seinem Reisebericht „La Sicile et l’éruption de l’Etna en 1865“: „Heutigentags riskieren die Fremden in Nicolosi nichts anderes als von Bettlern, Fremdenführern und Wirtsleuten ausgebeutet zu werden.“

Die bedeutendsten Reisenden verbreiteten nach der Rückkehr in ihre Heimat ihre in Tagebüchern aufgezeichneten Reiseerfahrungen und übermittelten den intellektuellen Kreisen Nordeuropas die bis in alle Einzelheiten beschriebenen und mit Kuriositäten und selbst angefertigten Abbildungen angereicherten Berichte. Diese hatten bisweilen abwertende Ausführungen zum Inhalt, häufig jedoch wurden in ihnen die Schönheit der Natur Siziliens und insbesondere des Ätna gepriesen. Bis ins kleinste Detail schilderten diese Reiseberichtverfasser die Erhabenheit des Vulkans, einschließlich seiner eruptiven Erscheinungen und seiner ihn kennzeichnenden, einmaligen Landschaft: Wälder, die je nach Höhenstufe ihre endemischen Vegetationsformationen wechseln, erstarrte Lavaströme, auch „Sciare“ genannt (arabisch: shari’a = Straße), aus Lapilli und Asche der Höhenregionen bestehende Lavawüsten, der unergründliche Hauptkrater mit seiner ewigen Rauchfahne, die an seinen Seitenhängen anhaftenden lieblichen und geschichtsträchtigen Ortschaften mit ihren Bewohnern, vielseitig und instinktsicher, unnachgiebig und einfallsreich, dickköpfig und provisorisch, und ihrer besonderen, zwischen Liebe und Hass schwankenden Beziehung zum Feuerberg.

 

Sowohl die Verbreitung dieser Nachrichten, als auch das Wiederaufleben der Naturwissenschaften und der Einsatz der Gebrüder Gemmellaro als Exponenten der Blütezeit der Vulkanologie hatten zur Folge, dass eine beachtliche Schar Reisender nach Nicolosi strömte. Dadurch ergab sich erstmalig im Ort die Notwendigkeit, Unterkünfte zu schaffen; es entstanden die ersten Gasthöfe, Wirtshäuser und andere Dienstleistungen (wie z.B. die kleiner Händler, Handwerker usw.), um die Bedürfnisse all jener erfüllen zu können, die das Unterfangen des Vulkanaufstiegs wagten. Élisée Reclus stellt wiederum in seinem Reisebericht „La Sicile et l’éruption de l’Etna en 1865“ in Bezug auf Nicolosi Folgendes fest: „… das Dorf kann zwei Gasthöfe vorzeigen, die wegen ihrer Sauberkeit und den vorzufindenden Annehmlichkeiten alle anderen Unterkünfte Siziliens in den Schatten stellen“.

Mario Gemmellaro brachte das Bedürfnis der Reisenden nach Betreuung durch verlässliche Begleitpersonen zur Sprache und verwirklichte 1804 seine Idee die Gruppe der Begleiter und Maultiertreiber zu konstituieren, die aus erfahrenen Kennern dieses unwegsamen Geländes bestand.

Die Personen, die die Reisenden führen sollten, wurden aufgrund ihrer persönlichen Bekanntschaft mit den Gebrüdern Gemmellaro direkt von diesen angeworben und nach körperlicher Leistungsfähigkeit, moralischer Integrität, Redlichkeit und Kenntnis des Berges ausgewählt, so dass sie für Ansehen und Sicherheit sorgten und ihnen die gekommenen Klienten anvertraut werden konnten.

Der Begleiter wählte die Route, die er dem Klienten vorschlagen wollte, eigenständig aus und organisierte je nach Teilnehmerzahl und Ausrüstung Lastenträger, um das Gepäck der Abenteuerreisenden transportieren zu lassen , die von Nicolosi aus zu Fuß den Aufstieg in Angriff nahmen. Für den Fall, dass die Klienten die Bergbesteigung auf dem Rücken von Mauleseln absolvieren wollten, griff der Bergführer auf die Unterstützung der Maultiertreiber zurück. In der Regel endete der Dienst dieser Treiber und ihrer Tiere mit der Ankunft an der „Gratissima“, dem kleinen Zufluchtsort am Fuße des Kegels in 2942m Höhe, den Mario Gemmellaro 1804 bauen ließ.

Ungefähr 70 Jahre währte die Tätigkeit der Bergführer unter der Schirmherrschaft der Gebrüder Gemmellaro und ihrer Nachfolger.

Im Jahre 1875 wurde in Catania die erste sizilianische Sektion des italienischen Alpenvereins „Club Alpino Italiano“ gegründet. Das Präsidium dieser Sektion reagierte auf die Ergebnisse des Kongresses der Bergführer 1870 in Domodossola, auf dem der Abt Amé Gorret eine Organisationsform für die Bergführer und Lastenträger, einschließlich einer Reglementierung ihrer Funktionen und Tarife gefordert hatte. Damals setzte das Ratsmitglied Orazio Spenna diesen Antrag auf die Tagesordnung, mit dem Ergebnis, dass die Versammlung die einzelnen Sektionen beauftragte, sich nach den jeweiligen Erfordernissen des eigenen Bezirks eine Ordnung zu geben.

Infolgedessen wurde zwei Jahre nach der Konstitution der Sektion Catania des C.A.I., im Jahre 1877 eine Reglementierung für die Bergführer und Lastenträger dieser Sektion erstellt.

Dem C.A.I. ist es zu verdanken, dass die Bergführer von Nicolosi zu der Identität gelangten, die sie heute noch als „Bergführer am Ätna“ bewahren. Seit fast zwei Jahrhunderten ernten sie den Dank und die Anerkennung von Millionen von Besuchern dafür, dass sie ihnen bei der Enthüllung der Geheimnisse unseres großen Vulkans behilflich sind.

Im gleichen Jahr konstituierte sich die erste Gruppe der Bergführer und Lastenträger. Selbstverständlich bestand diese aus Personen, die an die Organisation der Gebrüder Gemmellaro anknüpften und war in zwei Gruppen unterteilt. Zur Gruppe der „Bergführer des Ätna“ gehörten: Antonio Contarino (Leiter der Bergführer), Giuseppe Gemmellaro, Antonino Carbonaro, Salvatore Consoli, Giuseppe Anastasio, Vincenzo Costanzo, Antonio Leonardi, Alfio Leonardi, Antonio Gemmellaro, Pietro Galvagno und Salvatore Gemmellaro. Nur ihnen wurde die Eignung für das Hinaufbegleiten in die Höhenregionen des Ätna bis hin zum Gipfel des Hauptkraters zuerkannt. Zur Gruppe der „Bergführer der Monti Rossi“ gehörten: Salvatore Carbonaro (Leiter der Bergführer), Antonio Contarino, Gaetano Rizzo, Salvatore Chitè, Giuseppe Anastasio, Carmelo Chitè und Nunzio Contarino. Diese beschränkten sich im Gegensatz zu den Ersten darauf, die Reisenden auf die Bergspitze der Monti Rossi zu begleiten.

So endete die Epoche des Improvisierens. Nachdem die Bergführer eine Berufsordnung besaßen, erhielten sie eine Uniform, eine Kopfbedeckung und ein Wappen, damit sich die Reisenden anerkannten und eindeutig identifizierbaren Personen anvertrauen konnten. Zudem vereinheitlichten sich mit dem Entstehen der verschiedenen Sektions- und Regionalausschüsse nach und nach die Merkmale für die Zugehörigkeit zu dieser Kategorie in ganz Italien.

Die Bergführer am Ätna, laut Regionalgesetz vom 6. April 1996 die einzigen Personen mit Zulassung für die Führung, gehören dem „Kollegium der Berg- und Vulkanführer der Region Sizilien“ an, mit Sitz in Nicolosi (CT), Piazza Vittorio Emanuele 43, das insgesamt 53 eingeschriebene Bergführer, Bergführer im Ruhestand oder Vulkanführer zählt.

Einige unter ihnen, ebenfalls in die Register oder Listen dieses Kollegiums eingeschrieben, agieren entweder selbstständig oder zusammengeschlossen in Vereinigungen wie unserer, welche heute aus 7 Bergführern und 10 Vulkanführern besteht. Letztere sind 2001 in dem 1. Kurs für Vulkanführer ausgebildet worden.